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Erklaerfilme – Von der Idee zum Konzept zum Video

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Foto: Fotolia

Ob als Einstieg in ein neues Thema, als Zusammenfassung eines Stoffgebiets, oder als Wiederholung von Altbekanntem. Erklärvideos sind zu einem fixen Bestandteil in der Wissensvermittlung geworden.

Der Grund hierfür liegt im Potenzial filmischer Kommunikation. Denn Bewegtbild wird im Gegensatz zu Print auditiv und visuell wahrgenommen, was die Wahrscheinlichkeit des Lernerfolgs von Schülerinnen und Schüler steigert. Denn Lernende können Informationen besser aufnehmen, wenn Inhalte gleichzeitig gesehen und gehört werden.

Doch wie entsteht ein Erklärfilm, was gibt es bei den einzelnen Schritten der Filmerstellung zu beachten und wie setzt man Erklärfilme bestmöglich im Unterricht ein?

Wir haben Frau Katerina Lanickova zu diesem Thema befragt. Die selbstständige Englischlehrerin und Videoproduzentin erstellt Erklärfilme für Schülerinnen und Schüler sowie Erwachsene und ist für die Verwirklichung aller Videos zur Neubearbeitung der Lehrwerksreihe English Unlimited HAK/HUM & English Unlimited HTL zuständig.

öbv Magazin: Bitte beschreiben Sie Ihre Rolle bei der Verwirklichung von Erklärvideos für den öbv.

Ich leite als selbstständige Englischlehrerin Kurse und unterstütze damit Personen aus verschiedensten Bereichen und Altersgruppen bei der Verwirklichung ihrer Lernziele. Darüber hinaus hat mich schon immer die kreativere Seite der Lehrmaterial-Erstellung interessiert. Deshalb bin ich vor ein paar Jahren in Berlin in das Thema Erklärvideos eingestiegen und produziere bis heute kurze Clips für Schülerinnen und Schüler sowie Erwachsene. Weiters bin ich Herausgeberin des digitalen Study Newsletters, der von meinen ehemaligen und derzeitigen Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern abonniert werden kann.

Für den öbv produziere ich in Zusammenarbeit mit Schulbuchautorinnen und Schulbuchautoren, dem Redaktionsteam sowie Tonkünstlerinnen und Tonkünstlern kurze Erklärvideos für Schülerinnen und Schüler. Diese Videos sind Teil des E-Book+ (eine mit zahlreichem Zusatzmaterial angereicherte digitale Version eines Schulbuchs).  Als Videoproduzentin bin ich sowohl für die Koordination des gesamten Prozesses als auch die Erstellung der Erklärfilme verantwortlich.

öbv Magazin: Was macht Ihrer Meinung nach ein gutes Erklärvideo aus?

Für mich ist es immer eine Mischung aus zwei wichtigen Zutaten:

Es muss klar verständlich sein und es muss Interesse wecken.

Nur solch ein Video schafft es Schülerinnen und Schüler zum Lernen zu motivieren und idealerweise trotz seiner kurzen Dauer lehrkraftunabhängig alle offenen Fragen zu beantworten. Genau diese Kombination empfinde ich auch als eine tolle Herausforderung. So überlege ich mir bei der Erstellung des Konzepts welche Fragen Schülerinnen und Schüler haben könnten und versuche dann den Lehrstoff so zu präsentieren, dass es zu eben jenen Fragen nicht kommt. Fast wichtiger ist es mir aber, dass die Videos Spaß machen und Interesse geweckt wird. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass ein Lernprozess, der von guter Laune begleitet wird, bessere Resultate bringt.

öbv Magazin: Für die E-Book+ zur Lehrwerksreihe English Unlimited haben sie alle Videos produziert. Eines dieser Erklärvideos trägt den Titel „Calculating“. Bitte Skizzieren Sie an eben jenem Beispiel den Filmerstellungsprozess.

Das „Calculating“ Video fand ich besonders spannend, da die Fremdsprache Englisch nicht das Hauptthema des Erklärvideos sein sollte. Es ging darum, ein Mathematik-Thema auf Englisch darzustellen.

Phase 1: Briefing, Skript & Storyboard

Der erste Arbeitsschritt war ein Meeting mit dem Redaktionsteam das für das Schulbuch verantwortlich ist. Ich bekam das Schulbuch, in diesem Fall das Lehrwerk English Unlimited HTL 1, und wir definierten gemeinsam die Rahmenbedingungen (Dauer, Videoart, Inhalt, Dateigröße usw.) für das Video. Als nächstes folgte der kreativste Teil des Filmerstellungsprozesses: das Schreiben des Skripts und die Erstellung eines Storyboards (dabei zeichne ich ein paar Bilder oder Ideen auf ein Blatt Papier). Hier versuche ich immer die Frage im Hinterkopf zu behalten: Wie kann ich am effektivsten ein Thema präsentieren damit es gleich von Anfang an Schülerinnen und Schüler anspricht und sie Spaß an der Sache haben? Auch eine logische Struktur gilt es bei der Formulierung des Skripts/Storyboards zu beachten – eine nette Begrüßung als Einleitung, der natürliche Ablauf aller nachfolgenden Filmsequenzen sowie eine geschickte Positionierung verschiedener Fragen zum Nachdenken.

Phase 2: Ton & Sound

Nach Fertigstellung des Skripts wählte ich die passende Stimme für das Voice Over aus – ich stehe im Kontakt mit professionellen Sprecherinnen und Sprecher aus Großbritannien und habe Favoriten für verschiedensten Themen und Altersgruppen.

Bei der Auswahl achte ich auch meist darauf sowohl männliche und weibliche Stimmen  zu verwenden. So klingt es abwechslungsreicher, spannender und natürlicher.

Im nächsten Schritt beschrieb ich den von mir ausgewählten Sprecherinnen und Sprechern das Projekt im Detail und schilderte meine Wünsche bezüglich Lesegeschwindigkeit und Stil, beziehungsweise erzählte ihnen vom Zielpublikum. Ein paar Tage später bekam ich die Vertonungen des Texts zugeschickt, um die Tonaufzeichnungen mit dem Originalskript zu vergleichen. Da es meistens zu mindestens einer Nachvertonung kommt, weil etwas nicht meinen Vorstellungen entspricht, ist es mir bei diesem Arbeitsschritt sehr wichtig viel Zeit einzuplanen.

Phase 3: Videoerstellung & Schnitt

Nach Freigabe der Tonaufnahmen meinerseits, fing ich an das dazu passende Video zu kreieren. Bei der visuellen Umsetzung ist es wichtig, dass sie gut zum Alter passt – bei jüngeren Schülerinnen und Schülern kann man beispielsweise herzige Tiere als Charaktere verwenden, während es bei dem „Calculating“ Video besser war Charaktere einzusetzen die eine ältere Schülerschaft ansprechen. In diesem Video kommen weiters mathematische Begriffe vor wie „Wurzel“ oder „Bruchrechnen“, die klar und verständlich präsentiert werden müssen, damit sie leicht zu merken sind.

Folglich habe ich zur Darstellung der Begriffe das Bild einer Tafel gewählt, mit möglichst viel Weißraum drum herum.

Der gesamte Lernstoff wird interaktiv präsentiert und die Schülerinnen und Schüler werden auch direkt angesprochen um zum Beispiel an einem Quiz teilzunehmen. Die größte Herausforderung bei diesem Arbeitsschritt war, dass Ton und Bild genau aneinander angepasst werden  – das benötigt viel Geduld und eine präzise Arbeitsweise.

Phase 4: Feedback & Feinschnitt

Nach Fertigstellung des ersten Entwurfs wurde dieser dem Redaktionsteam präsentiert. Es folgten Verbesserungsvorschläge zum Inhalt sowie zur technischen Umsetzung. Dieser sogenannte Feedbackprozess ist meist sehr detailreich und verlangt Präzision. So kann es vorkommen, dass ich drei bis fünf Videoentwürfe erstelle, bis alle mit dem Endergebnis zufrieden sind. Es ist jedes Mal ein spannender Prozess, bei dem alle Beteiligten viel voneinander lernen.

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öbv Magazin: Wie lange brauchen Sie im Durchschnitt, um ein Erklärvideo zu produzieren und welche Software nützen Sie zur Erstellung?

Im Durchschnitt dauert die Erstellung eines ca. 5-minütigen Videos von der Idee bis zum fertigen Produkt zwischen 35 und 40 Stunden. Für die Videoerstellung verwende ich die Software „PowToon“ und gelegentlich „iMovie“. Für das Schneiden des Tons arbeite ich mit dem Programm „Audacity“ und die App „Sketches“ verwende ich, wenn ich ein Bild zeichnen möchte.

öbv Magazin: Haben Sie Tipps zum Einsatz von Erklärvideos im Unterricht

Die öbv Erklärvideos sind so produziert, dass sie sowohl selbständig von Schülerinnen und Schülern zu Hause geschaut werden können als auch zusammen in der Gruppe mit einer Lehrkraft.

Im Unterricht finde ich es toll, wenn sie entweder als Einstieg in ein neues Thema präsentiert werden oder als eine Zusammenfassung beziehungsweise Wiederholung nachdem ein Thema schon im Unterricht behandelt wurde.

Manche Videos enthalten kleine Fragen. Solche Videos könnten bis zur Fragestellung abgespielt werden. Dann pausiert die Lehrkraft das Video und Schülerinnen und Schüler können zu zweit überlegen, welche die richtige Antwort ist. Genau jene Fragestellung könnte aber auch der Anlass für eine kurze, spannende Hausaufgabe sein, wo Schülerinnen und Schüler mögliche Antworten verschriftlichen.

 

Sie haben Fragen?

Dann schreiben Sie uns einfach eine E-Mail an service@oebv.at. Wir nehmen uns gerne die Zeit und beantworten all Ihre Fragen.


KATERINA LANICKOVA unterrichtet Englisch auf selbstständiger Basis und ist eine amtlich anerkannte Prüferin. Neben ihrer Unterrichtstätigkeit produziert sie Erklärvideos für den öbv und arbeitet an der FH Technikum Wien im Bereich E-Learning mit.