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Sprache als Basis des Lernens

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Für die einen sind es "Katzen", für die anderen "Billiyõ" – süß sind sie auf jeden Fall. (Foto: snygo – aboutpixel.de)

Sprache ist wesentlich für den Bildungserwerb und den schulischen Lernerfolg. Die neueste Ausgabe von „Erziehung und Unterricht“ befasst sich ausführlich mit dem Thema „Sprache“ als Grundlage für – und Inhalt von – Bildung und Lernen.

Sprache ist DER zentrale Inhalt und DAS zentrale Medium schulischen Lernens. Ohne adäquate Sprachkenntnisse fällt es schwer (im Extremfall ist es unmöglich!), sich Wissen anzueignen und dieses Wissen anzuwenden.

Betrachten wir z. B. den folgenden Aufgabentext aus einem Schulbuch für die 5. Schulstufe*:

Helga lebt mit ihrem Vater, ihrer Mutter, ihrem Bruder, einem Kutta, zwei Billiyõ, zwei Wellensittichen und vier Goldfischen in einem Haushalt.

Wie viele Beine haben alle zusammen?

Ein einfacher Aufgabentext, sollte man meinen, wären da nicht zwei Wörter, die unverständlich sind. Durch sie wird die Aufgabe unlösbar. (Die beiden „Fremdwörter“ wurden der indischen Sprache Hindi entliehen: „Kutta“ heißt „Hund“ und „Billiyõ“ ist der Plural von „Katze“.)

Wären alle Wörter bekannt, würde das Beispiel so lauten:

Helga lebt mit ihrem Vater, ihrer Mutter, ihrem Bruder, einem Hund, zwei Katzen, zwei Wellensittichen und vier Goldfischen in einem Haushalt.

Wie viele Beine haben alle zusammen?

Sprache ist nicht gleich Sprache

Ist damit die Aufgabe nun für jeden Schüler und jede Schülerin einfach und lösbar? Nein, denn die Aufgabenstellung ist in Standardsprache gehalten, was beispielsweise einem Kind, das aus einer bildungsfernen Familie stammt und im Wiener Dialekt aufgewachsen ist, recht fremd sein wird. Heißen doch die „Beine“ im Wienerischen „Fiaß“ (Füße; nur für Menschen verwendet) oder „Haxn“ (für Menschen ODER Tiere verwendet), und unter „Bana“ (Gebeine) werden „Knochen“ verstanden.

Foto: Fotolia

Ein Blick auf das Format der Aufgabe zeigt, dass sie im Prinzip mit anschaulichen, der Alltagssprache nahe stehenden Begriffen operiert. Das Subjekt „Helga“ wird in seinem häuslichen Bezug – den sie umgebenden Objekten, Menschen und Tieren – dargestellt; soweit sollte es allen Kindern verständlich sein. Eine Schwierigkeit ergibt sich allerdings aus der Tatsache, dass für die rechnerische Lösung der Kontext der Aufgabe verlassen werden muss, da unabhängig von Mensch und Tier die dazu gehörigen „Beine“ zu abstrahieren sind; eine weitere Schwierigkeit ist dadurch gegeben, dass das Subjekt „Helga“ den anderen Objekten beim Addieren der Beine gleichgestellt wird, also ein Perspektivenwechsel erfolgen muss.

Eine erfolgreiche Lösung der Aufgabe setzt mithin sowohl die Verfügbarkeit eines entsprechenden Sprachcodes als auch die Kenntnis der impliziten Regeln des Mathematikunterrichts voraus.


Schwerpunkt zum Thema „Sprache und Lernen“

Mit den genannten Faktoren und Fragen beschäftigt sich unter dem Titel Sprache der Bildung und des Lernens die neueste Ausgabe von „Erziehung und Unterricht“ (E&U 2016|9-10).

In über dreißig Beiträgen werden folgende Themen näher behandelt:

  • die Zusammenhänge von Sprache und Unterricht
  • die Rolle von Sprache in den verschiedenen Unterrichtsfächern
  • Spracherwerb und Sprachförderung
  • Mehrsprachigkeit
  • zwei- und mehrsprachiger Unterricht – CLIL (Content and Language Integrated Learning)
  • Lehrende im bilingualen Umfeld

Umfassend findet sich darin die Doppelrolle von Sprache als Inhalt und als Medium von Lehr- und Lernprozessen thematisiert.

>> Zum Inhaltsverzeichnis von E&U 2016|9-10


*Modifiziert nach Günter Hanisch u. a.: MatheFit1. Verlag Besseres Buch, Wien 2014. S. 48, Aufgabe 210.  Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Tags : BildungErziehung & UnterrichtSprache