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Martin Apolin ist Prof. Big Bang

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DDr. Martin Apolin schreibt für den öbv die Physik-Lehrwerksreihe "Big Bang". (Fotos: Tereza Mundilová)

Das öbv Magazin stellt Ihnen regelmäßig Personen vor, die hinter unseren Lehrwerken stehen und entscheidend daran mitwirken. Den Auftakt macht ein wahres Multi-Talent, das u. a. Jongleur, Leichtathletiktrainer und Comic-Held in einer Person ist. Vorhang auf für Martin Apolin, den Autor der erfolgreichen Physik-Reihe „Big Bang“!

Herr Apolin, bitte stellen Sie sich kurz vor!

Ich habe nach der Matura Physik und Sport studiert. Nach dem Abschluss des Studiums habe ich 1990 voll als Lehrer zu arbeiten begonnen – das ist also doch schon eine Weile her – und ich bin nach wie vor mit großer Freude dabei. Nebenbei war ich aber immer ziemlich umtriebig. Ich habe in Sportwissenschaften und in Physik-Didaktik dissertiert, als Leichtathletiktrainer, als Lektor an der Sportuni und dem physikalischen Institut gearbeitet, habe für das Red Bulletin Artikel geschrieben und bislang 18 Bücher. Das erste war übrigens 1996 ein Jonglierbuch, das aktuelle ist Big Bang 2 für die Unterstufe. Ich lebe mit meiner Frau und meinen drei Kindern in Wien – mir ist also auch privat nicht fad.

Sie sind als Autor der Physik-Lehrwerkreihe Big Bang für den öbv tätig – wie kamen Sie dazu?

Durch Zufall und zwei Krisen! Um eine Lebenskrise zu durchtauchen, habe ich mit meinem Dissertationsstudium in Physik begonnen und zwar über die Sprache in Physikschulbüchern am Beispiel von Texten zur Speziellen Relativitätstheorie. Irgendwie bin ich mit der Diss aber nicht richtig weitergekommen, auch weil die Strukturen noch komplett gefehlt haben – ich war um 1996 ja der erste PH-Didaktik-Dissertant in Wien. Weil ich aber unbedingt etwas Produktives machen wollte, habe ich mit dem erarbeiteten Wissen dann nebenbei 1998 mein erstes PH-Schulbuch geschrieben, das „Relativitätspuzzle“, das aber längst vergriffen ist. Drei weitere Themenbände sind gefolgt – und dann das Angebot vom öbv, einen ganzen Oberstufenlehrgang zu schreiben. Und meine Diss habe ich dann später auch noch hinbekommen und die Erkenntnisse gleich in Big Bang fließen lassen. Kurz: Ohne Lebenskrise keine Diss, und ohne Disskrise kein Big Bang – quasi Schmetterlingseffekt.

Paradoxerweise ist es so, dass man nur dann verständlich formulieren kann, wenn man es selbst sehr gut verstanden hat. Es ist also einfach, schwierig zu schreiben, aber schwierig, einfach zu schreiben.

Was ist das Besondere an der Reihe Big Bang?

Da gibt es meiner Meinung nach schon ein paar Besonderheiten. Zunächst habe ich großen Wert auf verständliche Sprache gelegt – das war ja auch das Thema meiner Dissertation. Paradoxerweise ist es so, dass man nur dann verständlich formulieren kann, wenn man es selbst sehr gut verstanden hat. Es ist also einfach, schwierig zu schreiben, aber schwierig, einfach zu schreiben. Es gibt dazu ein wunderschönes Zitat, das dem Physiker, Nobelpreisträger und bunten Hund Richard Feynman zugeschrieben wird: „Wenn du etwas nicht auf Anfängerniveau erklären kannst, dann hast du es selbst nicht gut genug verstanden!“ Das sollte meiner Meinung nach ein Mantra für jeden Schulbuchautor und auch Lehrer sein. Außerdem habe ich in den Büchern versucht, eher belletristisch und flapsig zu schreiben und immer den roten Faden im Auge zu behalten, weil das den Lesefluss und somit die Lesefreude erhöht. Ich habe sehr großen Wert auf Alltagsbezug gelegt – der kommt in vielen Physikbüchern zu kurz – und auf die Faszination, die hinter der Physik steht. Und schließlich sind auch die comic-artigen Illustrationen, die Janosch Slama so großartig gemacht hat, ein sehr wichtiger Bestandteil, der Big Bang erst zu Big Bang werden lässt. Wer das alles mag, den wird auch das Werk sehr ansprechen.2016_10_apolin_illu_slama_980


Was glauben Sie, gefällt Schülerinnen und Schülern am besten an Big Bang?

Ich habe es oft im Unterreicht erlebt, wenn ich einen Big Bang von einer höheren Klasse ausgeteilt habe, dass die Schülerinnen und Schüler gleich mal mit Interesse geblättert haben. Die Bücher sind durch die eben erwähnten Punkte sehr ansprechend gemacht und verleiten die Schülerinnen und Schüler zum Schmökern. Natürlich sind da die coolen Illustrationen ein Blickfang. Als Feedback habe ich von Schülerseite oft bekommen, dass man ganz leicht in den Büchern selbst nachlesen kann. Das hat mich sehr gefreut, weil es ja genau das ist, was ich bezweckt habe. Und eine Schülerin hat mir mal gesagt, wenn sie meine Bücher liest, dann hört sie mich sprechen. Das habe ich als großes Kompliment aufgefasst – ein Buch, das zu den Schülerinnen und Schüler spricht, das ist doch was sehr Nettes.

Was werden in Zukunft die größten Herausforderungen beim „Unterrichten“ sein, wohin geht die Entwicklung aus Ihrer Sicht?

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DDr. Martin Apolin macht Physik verständlich.

Prognosen sind ja bekanntlich sehr schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen, aber ich will es mal probieren. Ich war vor 40 Jahren begeistert, wenn im Unterricht ein Super-8-Film in schwarzweiß und ohne Ton gezeigt wurde. Heute sind die Schülerinnen und Schüler durch YouTube & Co. natürlich schon sehr verwöhnt. Die neuen Medien sind fein, weil man blitzschnell ein paar Videoclips oder Applets herzeigen kann, was  den Unterricht sehr auflockert. Man darf sich aber nichts vormachen: Schlechter Unterricht wird auch durch die Digitalisierung nicht wirklich besser. Eine Aneinanderreihung von Clips macht noch keinen guten Unterricht.  Man muss als Lehrer immer den roten Faden im Kopf haben und auch die großen Zusammenhänge kennen und vermitteln. Denn im Internet findet man sehr schnell einzelne Informationen, aber nicht die großen und tieferen Zusammenhänge. Ich glaube daher, dass die neuen Medien den Unterricht zwar sehr bereichern werden, dass dem Lehrer aber auch in Zukunft eine ganz zentrale Rolle in der Wissensvermittlung zukommen wird. Und ich glaub auch, dass das gute alte Buch, in dem man blättert und in das man hineinschreiben kann, noch lange nicht ausstirbt – ich hoffe es zumindest.

Man darf sich aber nichts vormachen: Schlechter Unterricht wird auch durch die Digitalisierung nicht wirklich besser.

Wenn Sie nur eine Fähigkeit bzw. Eigenschaft auswählen könnten – was würden Sie gerne jeder Schülerin und jedem Schüler „mit auf den Weg“ geben, und warum?

Uff, eines auszusuchen, das ist schwierig! Ich würde mal sagen die „wissenschaftliche Methode“: Was behauptet wird, muss man auch belegen können! Die Schülerinnen und Schüler sollen also immer kritisch mit Information umgehen. In Physik kann man sicher sein, dass das, was man in einem guten Buch liest, ordentlich auf seine Richtigkeit hin abgeklopft wurde. Aber man kann die Methode auch im Alltag anwenden. Wir leben ja in einer esoterikverseuchten Zeit, in der man zum Beispiel Grander-Wasser, das ja nachweislich nichts kann, um 7 Euro pro Liter sogar im Supermarkt kaufen kann oder einen „strahlungsabweisenden Tachyonenanhänger“ – auch völlig nutzlos – um 100 Euro. Ich würde mir wünschen, dass meine Schülerinnen und Schüler das kritische Denken mitnehmen, und sich nicht einen solchen Blödsinn einreden lassen, dass sie ihre Informationen nicht nur über Gratiszeitungen und Facebook einholen, sondern auch über seriöse Quellen. Immerhin hat es ja auch schon in der Politik Einzug gehalten, wissentlich Unwahrheiten zu verbreiten. Wenn die Schülerinnen und Schüler da etwas dagegenhalten können, dann hat der Unterricht meiner Meinung nach schon seinen Zweck erfüllt.

Lieber Herr DDr. Apolin, vielen Dank für das Interview!

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