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Wissenschaftsbildung: Luxus oder Grundbedürfnis?

Titelbild Eva Stanzl

Es ist ein schlechtes Zeugnis, das sich die Österreicher*innen selbst ausstellten: In der im September 2021 publizierten Eurobarometerumfrage zeigen sie sich als wissenschaftsskeptisch, sprechen der Forschung Zukunftsrelevanz ab und zweifeln an der Bedeutung von Wissenschaft für ihr Leben. Österreich rangiert hier auf den hintersten Rängen – lieber setzt man hierzulande auf Bauchgefühl und Hausverstand.

Doch können die Herausforderungen von heute, wie die Klimakrise, die ein Umdenken der gesamten Gesellschaft benötigen, ohne Vertrauen in die Wissenschaft bewältigt werden? Und wieso gibt es diese Wissenschaftsskepsis hierzulande überhaupt? In einem Land, wo (wissenschaftliche) Bildung quasi gratis und für alle zugänglich ist. Wo das AKH bei medizinischer Forschung Teil der Weltspitze ist. Wo die Erkenntnisse in Genetik und Quantenphysik Geschichte schrieben. Wo Wissenschaft und Alltag fließend ineinander übergehen. Wie wichtig Schulen für die Wissenschaftsbildung sind, erzählt Eva Stanzl, Redakteurin für Wissenschaft und Forschung im Feuilleton der Wiener Zeitung, im Interview.

Die in ihrem stillen Kämmerlein

Die Journalistin und Vorstandsvorsitzende des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist*innen sieht die Umfrageergebnisse als alarmierend: „Manche Österreicher*innen scheinen zu glauben, dass Wissenschafter*innen in ihrem stillen Kämmerchen vor sich hinarbeiten, ohne Ziel und Regeln.“ Sie führt weiter aus: „In Österreich bemerken wir schon länger eine Kultur der Wissenschafts- beziehungsweise Autoritätsskepsis. Wenn wir Fachexpert*innen vor uns haben, gehen wir erstmal davon aus, dass das Gegenüber der größere Laie ist. Das betrifft auch Maßnahmen. Man denkt nicht als erstes, dass eine Maßnahme dem Allgemeinwohl diene oder fragt sich, wie man solidarisch handeln könnte. Man reagiert erstmal mit Ablehnung.“

In ihrer Funktion als Redakteurin beschäftigt sich Stanzl mit Wissenschaftsvermittlung, also damit, wie man komplexe Forschungserkenntnisse so vermittelt, dass sie auch für Nicht-Wissenschafter*innen erfassbar sind. Denn egal ob Sonnencreme, Schmerztablette oder Möglichkeiten zur CO2-Reduktion: Forschung beeinflusst das Leben von uns allen maßgeblich.

Zielgruppe Schulkinder

Doch wer ist nun für Wissenschaftsvermittlung verantwortlich?  Sind es die Wissenschafter*innen, die Unis oder ist es die Regierung?  Wo muss man ansetzen? „Wissenschaftskommunikation ist im Grunde eine innere Haltung. Habe ich wertvolle Informationen, muss mich fragen, wie ich sie so vermittle, dass andere sie verstehen und ihre Relevanz erkennen. Dazu braucht man Zeit und Kommunikationskompetenz. Vor allem braucht es jedoch diese innere Haltung. Die sollten wir bereits Schüler*innen mitgeben. Denn egal, welchen Beruf sie einmal ergreifen – die Wissenschaft wird ihre Zukunft prägen“, ergänzt Stanzl.

In der Wissenschaftsvermittlung allein auf den Journalismus zu setzen, ist für Stanzl zu kurz gegriffen: „Um Veränderung zu bewirken, müssen wir der Wissenschaft einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert verschaffen. Das beginnt bei den Kleinsten. Natürlich braucht es unterschiedliche Informationsaufbereitung. Im Kindesalter kann man zum Beispiel mit Geschichten, Hörspielen oder Bild und Ton arbeiten. Doch auch im Erwachsenenalter sollten unterhaltsame Formate wie Podcast und TV mitbedacht werden.“ Essenziell ist für sie dabei die Integration der Schulen: „Nur wenn wir es schaffen, bereits im Schulalter Interesse für Wissenschaft zu erwecken, erreichen wir alle. Auf der Universität und im Wissenschaftsteil der Tagesmedien sprechen wir nur mit kleinen Gesellschaftsteilen.“

Ohne Kommunikation keine Wissenschaft

Stanzl plädiert für Erfolgserlebnisse: „Ich bin überzeugt, dass sich jede*r mit komplexen Themen auseinandersetzen und sie auch verstehen kann. Wenn wir Schüler*innen Selbstsicherheit und Durchhaltevermögen mitgeben und ihnen zeigen, dass sie in der Lage sind, wissenschaftliche Inhalte selbst zu erlernen, dann tun sie das auch nach der Schule eher einmal – wenden sich bei Fragen der Wissenschaft zu. Das gelingt nur, wenn wir ihnen die Möglichkeit geben, wissenschaftliche Erfahrungen und Erfolgserlebnisse zu sammeln.“

Zukunft? Wissenschaft!

Von der Klimakrise bis hin zum Anstieg psychischer Erkrankungen und unzähligen anderen Herausforderungen, ist eines klar: Um Zukunftsperspektiven zu schaffen, brauchen wir die Wissenschaft mehr denn je. Die leidenschaftliche Wissenschaftsjournalistin kommentiert zuversichtlich: „Die grandiosen Wissenschafter*innen sind da. Sichern wir ihnen und der Wissenschaft im Allgemeinen ihren wohlverdienten Stellenwert zu, können wir gemeinsam sehr viel bewegen.“

Tags : 250 Jahre öbvWissenschaftWissenschaftsbildungWissenschaftsskepsis