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öbv liest: Unsere Buchtipps #3

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Suchen Sie noch eine Ferienlektüre? Hier ist der dritte Teil der Serie „öbv liest” mit Lesetipps von öbv Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Viel Spaß beim Schmökern und einen schönen Sommer!

Nicholas Roerich - Altai-HimalayaAltai-Himalaya – A Travel Diary

1923 verließ der Künstler Nicholas Roehrich New York gen Indien um im Himalaya nach dem sagenumwobenen „Shambala” zu suchen. Diese Reise wird knapp 5 Jahre dauern und mehreren seiner Begleiter das Leben kosten.

In Zeiten der „kleinen Welt” ist es wundervoll, ein Reisetagebuch zu lesen, welches voller Faszination und Respekt von fremden Kulturen berichtet, unbekannten Sitten und viel spiritueller Weisheit.

Altai-Himalaya – A Travel Diary, Nicholas Roehrich, 2017, Nicholas Roehrich Museum

 

Paul Auster - 43214321

Archibald Ferguson heißt der jugendliche Held von Paul Austers neuestem Roman, und er kommt darin gleich viermal vor – in vier raffiniert verwobenen Variationen seines Lebens, ganz nach dem Motto: Was wäre geschehen, wenn …? So entwirft Auster ein grandioses, episches Porträt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Amerika, voller Abenteuer, Liebe, Lebenskämpfe und den Schlägen eines unberechenbaren Schicksals. «4 3 2 1» ist ein faszinierendes, ein überwältigendes Gedankenspiel und ein Höhepunkt in Austers Schaffen.

Ein sehr dicker aber ungleich lesenswerter Roman, Coming-of-Age- und Geschichtsroman in einem, geschrieben mit der für Auster typischen Genauigkeit Wärme in der Schilderung der Personen.

4321, Paul Auster, 2018, Rohwolt

 

Gabriel García Márquez - Der Oberst hat niemand, der ihm schreibtDer Oberst hat niemand, der ihm schreibt

Der Held dieses 1956 spielenden kleinen Romans ist ein alter Oberst, der mit seiner Frau völlig verarmt in einem kolumbianischen Tropendorf lebt und seit fünfzig Jahren auf seine Veteranenpension wartet. In dem namenlosen Dorf herrscht der Ausnahmezustand der Militärdiktatur, der als Normalzustand in Fleisch und Blut der Bewohner übergegangen ist. Das Leben stagniert, dennoch warten sie, hoffen sie auf Veränderung, auf Befreiung, die meisten passiv, wenige aktiv.Zu den Aktiven gehören der Arzt, die Gesellen der als Widerstandszelle mit einem Plakat „Politische Gespräche verboten” getarnten Schneiderwerkstatt und schließlich auch der Oberst mit seinem Kampfhahn, einem Erbstück seines Sohnes Agostin, der wegen Verteilung illegaler Flugblätter in der Kampfhahnarena von der Polizei erschossen worden ist.

Stellvertretend für alle Bücher von García-Márquez eigentlich – der ihm eigene Schreibstil, die kurzen Sätze, die in ihrer Prägnanz und dem unterschwelligen Humor das Leben in den Tropen nicht zum zentralen Inhalt haben, aber nebenbei dieses einprägsam und wie selbstverständlich darstellen; scheinbarer Alltag, der sich zur Geschichte formt, rohe und gleichzeitig im Detail liebevolle Beobachtungen … ich habe fast all seine Romane in prägsamen Jahren meiner Jugend verschlungen (ewiger Dank an meine Mutter) und geliebt – wenn man doch liest, um von anderen Welten jenseits der SciFi-Abenteuer entführt zu werden, dann sollte man dies mit seinen Büchern versuchen.

Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt, Gabriel García Márquez, 1976, Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

Lydia Steinbacher - SchalenmenschenSchalenmenschen

Eine Spaziergängerin trifft auf eine alte Frau, die inmitten eines Trümmerhaufens kauert und einsame Worte vor sich hin flüstert – ein unterirdischer Stollen mag dort gewesen sein und auch das alte Weiblein scheint aus der Zeit wie aus der Welt gefallen in seiner Seltsamkeit. An einer anderen Stelle weilt Monsieur Palmaro eines Morgens zum ersten Mal auf einer Bank im Park, der er all die Jahre zuvor keine Beachtung geschenkt hat. Und die schlaflose Unruhe der vergangenen Nacht sollte ihn noch länger begleiten, besonders bis zu jenem Zeitpunkt, an dem plötzlich die neue Schülerin Ambre auftaucht. Anderswo begibt sich der nicht mehr ganz junge Ivan zurück an einen Ort, von dem ihm der Dachboden und die Spielfiguren, die dieser einst beherbergt hat, am meisten in Erinnerung geblieben sind – nicht zuletzt deshalb, weil er sich dort nach vielen Jahren wieder des Verlusts seines besten Freundes gewahr sein muss.

Wie liest sich ein Buch, dessen Autorin am Arbeitsplatz im angrenzenden Zimmer sitzt?  Zu Beginn war die Aufmerksamkeit erhöht, Mutmaßungen zum Entstehungsprozess der Texte drängten sich stärker auf, insgesamt war das Lesevergnügen jedenfalls uneingeschränkt.

Schalenmenschen, Lydia Steinbacher, 2019, Septime Verlag

 

Douglas Stuart - Shuggie BainShuggie Bain

Shuggie ist anders, zart, fantasievoll und feminin, und das ausgerechnet in der Tristesse und Armut einer Arbeiterfamilie im Glasgow der 80er-Jahre, mit einem Vater, der virile Potenz über alles stellt. Shuggies Herz gehört der Mutter, Agnes, die ihn versteht und der grauen Welt energisch ihre Schönheit entgegensetzt, Haltung mit makellosem Make-up, strahlend weißen Kunstzähnen und glamouröser Kleidung zeigt – und doch Trost immer mehr im Alkohol sucht. Sie zu retten ist Shuggies Mission, eine Aufgabe, die er mit absoluter Hingabe und unerschütterlicher Liebe Jahr um Jahr erfüllt, bis er schließlich daran scheitern muss. Ein großer Roman über das Elend der Armut und die Beharrlichkeit der Liebe, tieftraurig und zugleich von ergreifender Zärtlichkeit.

Wow – Szene für Szene ein Meisterwerk. Ein berührendes, vielstimmiges, liebevolles, intensives, fesselndes und erschütterndes Buch mit viel vom speziellen Glasgower Idiom – dem berühmt-berüchtigten Glaswegian oder Glasgow patter –  und den zwei unvergesslichen Hauptfiguren Shuggie und Agnes.

Shuggie Bain, Douglas Stuart, 2020, Picador (auf Deutsch ab August 2021 im Carl Hanser Verlag)

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