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Auf Wörterjagd mit Dr. Christiane Pabst

Christiane Pabst
Chefredakteurin Christiane Pabst mit dem traditionsbehafteten ÖWB

Christiane Pabst, Chefredakteurin des Österreichischen Wörterbuchs (kurz ÖWB) war schon immer von der Wörterbucharbeit begeistert. Im Interview erklärt sie die Relevanz um das Bewusstsein für Sprache und gibt einen Vorgeschmack darauf, was die Gewinner der großen ÖWB-Rätsel-Rallye im Workshop „Wie ein Wörterbuch entsteht“ erwartet.

Frau Pabst, bitte stellen Sie sich kurz vor…

Seit November 2014 bin ich als Chefredakteurin des Österreichischen Wörterbuchs und Deutsch-Redakteurin beim Verlag öbv tätig.

Kurz zu meiner Ausbildung: Ich habe Germanistik, Philosophie, Pädagogik und Psychologie für Lehramt in Wien studiert, in dieser Zeit auch eine Ausbildung zur Trainerin für Kinder mit Teilleistungsschwächen absolviert. Nach dem Abschluss des Lehramtsstudiums habe ich mein Doktorat bei Univ. Prof. Dr. Günter Lipold zum Thema „Untersuchungen zur Systemabhängigkeit der Phraseologie im österreichischen Deutsch“ gemacht. Anschließend arbeitete ich im Rahmen eines zweijährigen Postdoktorats am Institut für Angewandte Sprachwissenschaft an der UFMG in Belo Horizonte (Brasilien) über die deutschsprachige Enklave Nucléo João Pinheiro in Brasilien.

Mein beruflicher Werdegang war ebenso vielfältig. Bereits zu Schulzeiten betätigte ich mich im Journalismus, später als Tutorin am Institut für Pädagogik an der Universität Wien. Im Laufe der Jahre unterrichtete ich dann an einem Gymnasium, trainierte Kinder mit Teilleistungsschwächen, lehrte als DaF/DaZ-Trainerin und war Mitgründerin eines Bildungsinstituts. Zwischen 1999 und 2014 forschte ich an der Akademie der Wissenschaften, der Universidade Federal de Minas Gerais und der Universität Wien, wo ich wie auch u.a. an der Hochschule Dániel Berzsenyi in Szombathely. 2014 ergab sich dann eine Möglichkeit, die ziemlich singulär ist – nämlich die Leitung des Österreichischen Wörterbuchs zu übernehmen. Dieser Herausforderung konnte ich nicht widerstehen.

Die lernpsychologische Forschung zeigt, dass jeder Lerninhalt durch eine Handlung besser eingeprägt wird.

Sie sind die Chefredakteurin des ÖWB – wie gelangten Sie in diese Position?

Es waren mein lexikografischer Erfahrungsschatz und meine Kenntnisse auf dem Gebiet der Austriazismen, Grammatik und Semantik in Kombination mit der pädagogisch-didaktischen Ausbildung, die mich in die Redaktion des Österreichischen Wörterbuchs führten. Bereits seit Beginn meiner wissenschaftlich-akademischen Karriere stellte Lexikografie einen Schwerpunkt dar.

In den Neunzigerjahren – während ich meine Dissertation schrieb – arbeitete ich bereits am mehrfach ausgezeichneten „Wörterbuch der Redensarten“ mit, herausgegeben vom damaligen Präsidenten der Akademie der Wissenschaften Univ. Prof. Dr. Welzig. Ebenfalls eine großartige und lehrreiche lexikografische Zeit war die Mitwirkung am „Großen deutsch-russischen Wörterbuch“, herausgegeben von Univ. Prof. Dr. Dobrovolskij und Dr. Sharandin. Ferner war ich Teil des Teams von Dr. Geyer, der ehemaligen Chefredakteurin „Wörterbuch der bairisch-österreichischen Mundarten“ am Institut für Dialekt- und Namenlexika. Dieses Institut erarbeitete auch die Bedeutung und Erklärung zu Familiennamen unter der Leitung von Dr. Hausner. Heute liegen die von mir und Dr. Schuster verfassten Artikel zu den Familiennamen dem Projekt „Familiennamen Österreichs FAMOS“ zugrunde. 2005 begann ich als Konsulentin des Österreichischen Wörterbuchs, insbesondere als Beraterin auf dem Gebiet der Grammatik. Sie sehen: Wörterbucharbeit hat mich seit Beginn meiner beruflichen Karriere stets begleitet und beeinflusst.

Was macht das österreichische Deutsch Ihrer Meinung nach so besonders, dass man ihm ein eigenes Wörterbuch widmet?

Das österreichische Deutsch absorbiert und reflektiert all das, woraus sich die österreichische Nation gebildet hat und wie sie sich entwickelt – die Zusammenhänge, auf die wir als Nation stolz sein können, wie auch solche, die Teil unserer verwerflichen Epochen und Strömung sind. Unsere Sprache ist gesellschaftlicher Spiegel, identitätsstiftend wie auch identitätsabbildend. Stellen Sie sich vor, es fällt im Zusammenhang mit „Zusammenhalt der Nationen“ das Wort „Neutralität“. Überlegen Sie, was dieses Wort in dem Kontext in Deutschland, Österreich oder der Schweiz vermutlich auslöst. Ein Wort, dieselbe Bedeutung – aber dreierlei emotionale Empfindung vor jeweils ganz anderem historischen Hintergrund.

Ein weiteres Beispiel: Bestellen Sie in Klagenfurt eine „Apfelsinenschorle“. Verlangen Sie in Bern ein „Sackerl“ bei der Kasse. Wird man Sie verstehen? Wörter, die es in der jeweils anderen Varietät gar nicht gibt.

Auch in der Grammatik gibt es Unterschiede. So fahren wir in Österreich „zu“ Ostern auf Urlaub, in Deutschland „an“ Ostern. „Ich mag nicht kommen“ bedeutet in der Schweiz „Ich kann es nicht erwirken“. Die Zeitform Perfekt ist in Österreich bedeutend, besonders in der gesprochenen Sprache; in der Schweiz wird es nicht verwendet, in Deutschland verwendet man das Perfekt kaum. Und das waren nur ausgewählte Einblicke in die Unterschiede der deutschen Varietäten.

Wie kann man sich die Jagd nach neuen Wörtern vorstellen?

Lesen und zuhören: rezipieren. Und zwar nicht nur Berichte und Reden, Artikel und Bücher, sondern auch Dialoge – z.B. in der U-Bahn, beim Einkaufen. Sehr hilfreich ist das Internet: Chatforen, Facebook, Instagram. Natürlich sind Konsulenten auch wichtige Wörterjäger, Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen, aufmerksame Menschen, die E-Mails an die Redaktion mit Hinweisen richten, Jugendliche, Schüler und die Familie (wie mein Sohn, der vor kurzem „Glubschi“ ins Österreichische Wörterbuch reklamierte). Dieser Neufang an Wörtern kommt in eine Liste. Jedes Wort wird beobachtet – es wird auf die Frequenz geprüft, es wird „abgefragt“. Vor kurzem haben alle Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter eine Anfrage von mir bekommen, ob sie „darthvadern“ verwenden oder von wem sie es und in welcher Form gehört haben (z.B. darthvadert, gedarthvadert etc.). Neu entdeckte Wörter werden in ihren Zusammenhängen überprüft. Verwenden es nur Jugendliche, ist es v.a. in fachsprachlichen Texten? Auch die Bedeutung des vorhandenen Wortbestands wird überprüft. Bedeutungen kommen hinzu, verschwinden, verändern sich. Denken Sie nur an „Alter“. Es bedeutet etwas anderes, wenn das Wort eine Ehefrau im Gespräch über Ihren Mann verwendet, ein Mitarbeiter über seinen Chef, ein Heurigenbesucher ein Glas davon bestellt oder Jugendliche ihresgleichen damit ansprechen. Sogar Wortartzuordnungen können sich verändern, wie dies z.B. für „fix“ der Fall ist: neu als eine Partikel wie „ja“.

Jedes Wort wird beobachtet – es wird auf die Frequenz geprüft, es wird „abgefragt“.

Wie sehen Sie die Zukunft der gedruckten Wörterbücher – mit Blick auf die zunehmende Digitalisierung im Unterricht?

Ein gedrucktes Wörterbuch ist ein Lehr- und Nachschlagewerk. Die haptische Komponente ist ein relevantes Transportmittel für Inhalte, das Wörterbuch zeigt die Mehrdimensionalität von Sprache. Hervorragend geeignet für Wortschatzarbeit, für Aufgaben zu Wortfamilien. Auch das Gefühl für Sprache wird gestärkt, wenn man  einzelne Artikel vergleicht und Hinweise aus den Regelkästen dazu in Verbindung setzt. Die Systematik und Regelhaftigkeit innerhalb der Sprache, insbesondere der Grammatik, kann verdeutlicht werden, wenn die Information zu den Wörtern in Relation zu den Regeln betrachtet werden.

Das geht schon in der ersten Klasse recht gut. So zum Thema Haustiere: „Nenne fünf Haustiere.“ „Wie bewegen sich diese Tiere?“ „Nenne zu jedem Haustier eine besondere Eigenschaft, die es auszeichnet.“ So erhält man Nomen, Verben und Adjektive. In der Klasse kann dann den Eigenschaften der Wortart anhand der Artikel auf die Spur gegangen werden. Schließlich können die Schülerinnen und Schüler noch ein Phantasiehaustier zeichnen, dem sie eine möglichst nichttierische Bewegung (wie boxen, husten) und eine Eigenschaft zuordnen. Dann fordert man sie auf, dazu einen Wörterbuchartikel nach bekannten Mustern zu erstellen. So wird das Interesse an Wortarten geweckt, Gleiches und Unterscheidendes bewusst gemacht. Noch basaler ist das Wissen um das Alphabet. In einem Projekt gemeinsam mit der Lehrperson für Bildnerische Erziehung kann man eine „Griffleiste“ am Blattrand mit einem Cutter schneiden lassen und anschließend die Ränder mit Klebeband haltbarer machen. Die lernpsychologische Forschung zeigt, dass jeder Lerninhalt durch eine Handlung besser eingeprägt wird.

Warum das ÖWB und nicht der Duden?

Das Österreichische Wörterbuch bildet die österreichische Varietät des Deutschen ab. Die Beispiele, die ich bereits vorhin genannt habe, sind, meine ich, Beweis genug dafür, dass ein Österreichisches Wörterbuch Notwendigkeit ist.

Die Siegerklasse darf drei Wörter auswählen, die im Österreichischen Wörterbuch Eingang finden.

Was darf sich die Siegerklasse des ÖWB-Gewinnspiels erwarten? Können Sie einen kleinen Vorgeschmack auf den Workshop geben?

Die Siegerklasse darf drei Wörter auswählen, die im Österreichischen Wörterbuch entweder neu Eingang finden oder deren Bedeutung verändert werden muss. Wenn die Klasse ein Wort findet, das häufig verwendet wird, aber noch nicht im Österreichischen Wörterbuch steht, dann wird dieses aufgenommen. Ansonsten stelle ich eine Liste zur Verfügung, aus der ausgewählt werden kann. Anschließend erstelle ich gemeinsam mit der Klasse, nach einem kurzen Einblick wie diese Artikel aufgebaut sind, einen realen Wörterbuchartikel. Zudem Spiele rund ums Wörterbuch und selbstredend stehe ich für Fragen zur Verfügung.


TIPP: Die Rätsel-Rallye durch das ÖWB

Gewinnen Sie und Ihre Klasse mit dem Österreichischen Wörterbuch!
Dem 1. Platz winkt ein Gratis-Workshop mit der Chefredakteurin Christiane Pabst zum Thema „Wie ein Wörterbuch entsteht“ direkt an Ihrer Schule!

Die Plätze 2. – 10. dürfen sich aber ebenfalls über tolle Preise für die ganze Klasse freuen. Einfach Frage 1 – Frage 9 der Rätsel-Rallye richtig beantworten und das gesuchte Lösungwort zusammen mit Ihrem Namen, Ihrer Schule, Ihrer Klasse (inkl. Klassengröße) an gewinnspiel@oebv.at schicken. Das Gewinnspiel läuft bis Donnerstag, 27. April 2017.

Die Anleitung zum Gewinnspiel finden Sie hier:

Hier finden Sie die Rätsel-Rallye in PDF zum Download
Die Gewinner werden schriftlich bzw. per Telefon verständigt. Eine Barablöse ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.


ÖWB-Online aktuell: Wörter-Ranking

Fakt ist: die meistgesuchten Wörter zum Jahresbeginn 2017 waren Maß und Antlitz. Welche Wörter haben es noch in die 43. Ausgabe des Österreichischen Wörterbuchs geschafft?

Zum Beispiel „fame“, „lame“, „Willkommenskultur“, „Ampelpärchen“ oder „Dragking“.

Ihr persönlicher Nutzer-Schlüssel

Mit der 43. Auflage steht Ihnen durch den Nutzer-Schlüssel im Österreichischen Wörterbuch, eingedruckt auf dem hinteren Umschlag innen, der bewährte Klassiker auch online zur Verfügung. So gelangen Sie in drei einfachen Schritten zum ÖWB-Online:

  1. Gehen Sie auf www.oewb.at
  2. Geben Sie den eingedruckten vierzehnstelligen Nutzer-Schlüssel ein
  3. Willkommen im ÖWB-Online!
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